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Hélène CLAUDOT-HAWAD: Tuareg. Porträt eines Wüstenvolks.

Interessant. Spannend. Erhellend.

Hélène CLAUDOT-HAWAD

Tuareg. Porträt eines Wüstenvolkes

Aus dem Französischen von Sigrid Köppen

Bad Honnef: Hörlemann 2007

13,7 x 21,5 cm, 253 Seiten, Paperback,

ISBN 978-3-89502-238-8


Hélène CLAUDOT-HAWAD ist Forschungsdirektorin am französischen Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und als Sozialanthropologin und Sprachwissenschaftlerin eine ausgewiesene Kennerin der Tuareg.


Die Tuareg sind ein Wüstenvolk der Berber. Ihre Geschichte lässt sich bis in die Spätantike zurückverfolgen, als sie durch den oströmischen Dichter Gorippus (500-570) in der Region im heutigen Südtunesien und dem angrenzenden Libyien nachweisbar sind. Von dort zogen sie sich vor der seit dem 7. Jahrhundert in Nordafrika vordringenden arabischen Kultur in die Zentralsahara zurück, wo sie seit dem 11. Jahrhundert zuhause sind und später bis in den Sahel und über den Fluß Niger nach Süden vordrangen. Sie besitzen eine eigene Sprache (Tamaschek), eine eigene Schrift (Tifinagh), Literatur, Musik und Lebensweise. Zwar übernahmen sie den Islam, gelten aber als nachlässige Moslems. Die Frauen tragen keine Gesichtsschleier.

Freie Menschen

Die Bezeichnung Tuareg verbreitete sich seit dem Kolonialismus im frankophonen, englischen und deutschen Sprachgebrauch. Sie leitet sich wahrscheinlich her von dem arabischen Wort at-Tawarik, das abwertend Wegelagerer, Ungläubige oder die von Gott Verlassenen meint. Die Tuareg selbst gebrauchen die Bezeichnung nicht. Sie nennen sich Kel tamajaq (Leute, die Tamaschek sprechen) oder imushagh, was soviel bedeutet wie freie Menschen, die ihre Unabhängigkeit einem Ehrenkodex entsprechend gegen jeden Eindringling verteidigen (S. 111).


Überleben in der Wüste

In zwölf Texten beschreibt die Autorin die Kultur und die Lebensweise der Tuareg, die Arbeit des Weidens und des Überlebens in der Wüste, die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen, den Ablauf und die Bedeutung der Feste, Sprache, Musik und Literatur.


Matrilinearität

Für manche Leser*innen wird unerwartet sein, wie maßgeblich die Rolle und die politische Macht der Frauen in der Tuareg-Gesellschaft sind. Sie bilden den Mittelpunkt und den Kern der Gemeinschaft. Es herrscht Matrilinearität. Die Weitergabe und die Vererbung von sozialen Eigenschaften und des Besitzes erfolgt ausschließlich über die weibliche Linie, also von den Müttern an die Töchter. "Diese im Besitz der Frauen befindlichen Güter werden durch die Arbeit der Männer - und früher durch ihre Raubzüge - vergrößert. Dieser von den Männern erschaffene Besitz ist also eigentlich ein Privatbesitz, doch geht er in den Allgemeinbesitz ein, über den die Frauen herrschen." (S. 139).


Gründerin und Beschützerin des Stammes

Die Frau wird als Gründerin des Stammes und als dessen Beschützerin angesehen. "Die Stimmer der Frauen zählt ebenso viel, oft sogar mehr als die der Männer. Eine Entscheidung kann nur getroffen werden, wenn die Frauen zugestimmt haben." (S. 140). Auch können die Frauen auf die Wahl der Funktionsträger Einfluss nehmen. "Die entscheidende Orientierung bei allen Verhandlungen, die allgemein verbindlichen Ziele und die Grundlagen der verfolgten Politik bestimmen die Zeltherrinnen der großen Zeltverbände." Das gilt für alle Beschlüsse. Bei der Entscheidung "über ein strategisches Bündnis, eine Kriegserklärung oder eine Friedensoffensive ist zunächst die Zustimmung der Frauen einzuholen. Alle Beratungen beginnen mit ihnen. Sobald die Frauen entschieden haben, geben die Männer des Clans ihr Statement ab, danach die Verbündeten und die Tributpflichtigen. So haben die Frauen, die an der Spitze eines mächtigen Zeltverbands stehen, die Macht, ihr Urteil geltend zu machen und ihre Entscheidung durchzusetzen. Die Durchführung wird als weniger wichtig erachtet und den Männern überlassen." (S. 144f.).


Die Ausdruckskraft des Gesichtsschleiers der Männer

Im Gegensatz zu den Frauen tragen die Männer einen Gesichtsschleier (Tagelmust). Die jungen Tuareg erhalten das charakteristische Kleidungsstück nach der Pubertät, wenn sie als fähig gelten, ein Leben als Erwachsener zu führen. Der Schleier besteht aus einem langen, mit Indigo blau gefärbtem Stoffstreifen, der in traditioneller Weise gebunden wird. Die Drapierung besitzt eine subtile und komplexe Ausdruckskraft. Sie ersetzt die Mimik des unverschleierten Gesichts. Durch eine Vielfalt an Gesten bei der Handhabung des Gesichtsschleiers geben die Männer ihrem Gegenüber Hinweise auf das eigene Ehrgefühl, ihre Gestimmtheit, ihre Meinung und Haltung. Ohne tagelmust zu erscheinen, gilt als Zeichen der Ehrlosigkeit und der Demütigung.


Hélène CLAUDOT-HAWAD schreibt: "Die Tuareg-Gesellschaft wurde durch die französische Kolonisation dezimiert, gedemütigt, entwürdigt und durch die Schaffung der neuen afrikanischen Nationalstaaten, die die Zerstörung dieser Gesellschaft noch vorantrieben, betrogen. Ihre Organisation ist zerstört, ihre Hierarchie aufgehoben, ihr Netz der Solidarität zerrissen." (S. 32).


Meine Meinung: Hélène CLAUDOT-HAWAD hat ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, in dem man jenseits der üblichen Mythen und Legenden über die Tuareg fundierte Informationen und Erkenntnisse über die Kultur dieses Wüstenvolkes erfährt, ebenso über dessen Marginalisierung und den daraus erwachsenen, unvereinbar scheinenden Gegensätzen in postkolonialer Zeit. Die Ausführungen über Ehre und Gewalt sowie über den Widerspruch zwischen Nomadentum und Sesshaftigkeit, der sich in der staatlichen Ordnung der neuen, nach dem Ende der französischen Kolonialzeit in Afrika (1960/62) gegründeten Nationalstaaten darstellt, sind aufschlußreich für das Verständnis des Widerstands der Nomadenkultur und den daraus erwachsenen Konflikten in Westafrika, vor allem in Niger und in Mali. Die Beiträge sind erhellend für das Verständnis der Tuareg, auch wenn der Untersuchungszeitraum nur bis 1993 reicht.


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