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Die Autobiographie des Führers der Tuareg-Rebellen

Authentisch. Beeindruckend. Lesenswert.


Mano DAYAK

Geboren mit Sand in den Augen

Die Autobiographie des Führers der Tuareg Rebellen.

In Zusammenarbeit mit Louis Valentin.

Aus dem Französischen von Sigrid Köppen.

Französische Originalausgabe: Je suis né avec du sable dans les yeux, Paris 1996.

Deutsche Ausgabe Zürich: Unionsverlag 1998, 2011,

11,6 x 19 cm, 224 Seiten, Paperback,

ISBN 978-329-320-543-7 (z.B. bei amazon)



Das Buch ist zwar nicht mehr druckfrisch, aber immer noch aktuell für das Verständnis vom Wüstenvolk der Tuareg in postkolonialer Zeit.


Mano DAYAK, der Führer der Tuareg-Rebellen

"Ich wurde mit Sand in den Augen geboren", beginnt Mano DAYAK die Autobiographie. "Am Tag meiner Geburt verbarg tezakey, der Sandsturm, den Horizont hinter einer düsteren, rötlichen Wand, und die Tiere drängten sich stumm um unsere Zelte, den Rücken dem Wind zugekehrt. Es war in der Tidène, im Herzen des Aïr-Berglandes", das im heutigen Niger liegt, damals aber noch ein Teil der französischen Kolonien war, die sich in Afrika vom Mittelmeer bis zum Äquator und vom Atlantik bis zum Tschadsee ausdehnten. Wie seine Mutter ihm später erzählte, ist er "zwischen dem Jahr der großen Trockenheit und dem der Heuschreckenplage geboren" worden. Das war, wie er schreibt, "zweifellos 1950." (S. 5f.).

Mano DAYAK (1950-1995) gehört zu den Tuareg, einem Volk der Berber. Die Tuareg stammen ursprünglich aus der Region im Süden Tunesiens und dem angrenzenden Libyen, haben sich aber vor der arabischen Kultur, die seit dem 7. Jahrhundert im Mahgreb vorherrschend wurde, in die Zentralsahara zurückgezogen, wo sie nunmehr seit fast einem Jahrtausend als Nomaden oder sesshafte Oasenbewohner leben und später bis in den Sahel und über den Fluss Niger nach Süden vorgedrungen sind. Über Jahrhunderte kontrollierten sie die Handelsrouten der Karawanen mit Gold, Salz und Gewürzen, auch mit Sklaven für die Europäer. Zwar übernahmen sie den Islam, besitzen aber eine eigene Sprache (Tamaschek), eine eigene Schrift (Tifinagh), Literatur, Musik und Lebensweise. Es herrscht Matrilinearität. Die Frauen sind Mittelpunkt und Kern der Gemeinschaft. Sie tragen keine Gesichtsschleier. Sex vor der Ehe ist üblich. Ihre Partner suchen sie selbst aus und können sie auch verstossen. Sie bestimmen die Männer für die Führungsfunktionen. Als Urahn der Tuareg gilt Ti-n Hinan, eine Frau. (Hélène CLAUDOT-HAWAD: Tuareg. Porträt eines Wüstenvolks; Bad Honnef 2007, z.B. bei amazon).


Freie Menschen

Die Bezeichnung Tuareg verbreitete sich seit dem Kolonialismus im frankophonen, englischen und deutschen Sprachgebrauch. Sie leitet sich wahrscheinlich her von dem arabischen Wort at-Tawarik, das abwertend Wegelagerer, Ungläubige oder die von Gott Verlassenen meint. Die Tuareg selbst gebrauchen die Bezeichnung nicht. Sie nennen sich Kel tamajaq (Leute, die Tamaschek sprechen) oder imushagh, was soviel bedeutet wie freie Menschen, die ihre Unabhängigkeit einem Ehrenkodex entsprechend gegen jeden Eindringling verteidigen. (CLAUDOT-HAWAD).


Streben nach Autonomie

In der Autobiographie erzählt Mano DAYAK in einer bilderreichen, anschaulichen Sprache vom Leben und dem Alltag der Tuareg in der Wüste, von Unterdrückung und Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus, aber auch von Versäumnissen der Tuareg und ihrem eigenem Verschulden in der Zeit, als die Kolonialherrschaft in Afrika zu Ende ging und neue Nationalstaaten entstanden sind. Die Tuareg begreifen sich als ein Wüstenvolk ohne Staat, das Kernthema des Buches ist ihr Streben nach Autonomie.

Postkoloniale Grenzziehung,

Unterdrückung und Ausgrenzung

Nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft in Afrika und der Gründung der neuen afrikanischen Staaten (1960/62) breitete sich der Lebensraum der Tuareg über die nationalen Grenzen von Mali, Niger, Algerien, Burkina Faso und Libyen (seit 1951 von Italien unabhängig) aus. Da die Demarkationslinien die historischen, kulturellen und sprachlichen Voraussetzungen der Tuareg nicht berücksichtigt haben, wurden die Wanderhirten und Karawanenführer, die in der schrankenlosen Weite der Sahara zuhause waren, zu Opfern der postkolonialen Politik. Die konföderative Organisation, wie sie den Tuareg eigen ist, erfuhr grundlegende Veränderungen. Durch die künstlichen Grenzen zwischen den Staaten wurde der frühere Lebensraum des alten Wüstenvolkes eingeschränkt. Die Sahara und der Sahel waren zerstückelt, die Forderung der Tuareg nach einem unabhängigen Saharastaat abgelehnt worden. Sie verloren an Freiheit für ihre nomadische Lebensweise und damit ihre Identität, manche von ihnen sogar ihre Existenz. Die damalige Regierung der Republik Niger verbot, das Wort „Nomade“ auszusprechen (S. 146). Menschen, deren Familien seit Jahrhunderten das Nomadenleben gewohnt waren, sollten nun sesshaft und - je nach Gebiet - ein Teil der jeweils neuen Staatsvölker werden. Mano DAYAK spricht von 3 Millionen Tuareg (S. 160). 2011 schätzte man ihre Zahl auf etwa 1,5 bis 2 Millionen (John A. Shoup: Ethnic Groups of Africa and the Middle East. ABC-CLIO, 2011, S. 295f., z.B. bei amazon).


Unvereinbare Gegensätze zwischen Nomadentum und Sesshaftigkeit

Mano DAYAK erzählt in der Autobiographie von den unvereinbaren Gegensätzen zwischen dem Nomadentum der berberischen Tuareg und einer in Sesshaftigkeit wurzelnden staatlichen Ordnung, die in der Republik Niger mehrheitlich von den Zarma, den Songhai und den Hausa getragen wird, die kulturell zu Subsahara-Afrika gehören. Sie sind Ackerbauern und Handwerker, bilden die urbanen Eliten und die Regierung. Ihre Art zu leben und die Nationalstaatlichkeit erscheint den Freiheit und Grenzenlosigkeit gewohnten Tuareg wie eine andere Form der Kolonialisierung, nicht zuletzt deshalb, weil sie als Nomaden die sesshaften subsaharischen Afrikaner nicht respektieren, nachdem die ihnen über Jahrhunderte als Unfreie gedient hatten, was durch die Gründung der Nationalstaaten nun umgekehrt zu sein schien. Die Hierarchie der sozialen Ordnung, in der sich die Gesellschaft der Tuareg in Noble, tributpflichtige Vasallen, Religionsführer, Handwerker, Freigelassene und Sklaven teilte, begann sich aufzulösen. "Die Tuareg müssen den Kampf, den sie zur Verteidigung ihrer Kultur, ihres Stolzes geführt haben, teuer bezahlen. Da sie jede Schulausbildung ablehnten, konnten sie auch keine Arbeitsplätze bekommen. Die haben heute die Leute des Südens inne, die sich unterzuordnen wussten. Ihre Eigenliebe hat die Tuareg an den Rand jeder Gesllschaft gedrängt, hat sie daran gehindert, sich zu integrieren. Drangsaliert, verachtet, gedemütigt, nichts ist ihnen geblieben." (S. 128).


Wahrung der Identität

In beeindruckender Weise lässt Mano DAYAK ein Bild von seiner eigenen Zerrissenheit zwischen den jahrhundertelangen Traditionen der Tuareg-Gesellschaft und den neuen Herausforderungen in postkolonialer Zeit entstehen, wenn er schildert, wie er als Kind einer Tuaregfamilie in die Schulpflicht gezwungen wurde, in der Nomadenschule aber schnell Gefallen daran fand, Wissen zu erlangen, das ihm eine bisher unbekannte Welt öffnete. Später reiste er durch Algerien und Spanien nach Frankreich und weiter in die USA, erkannte dann aber, dass er in die Heimat zurückkehren musste, wo sein Volk nach Autonomie strebte, tatsächlich aber zunehmend marginalisiert wurde und verarmte. In "Agadez, der ockerfarbenen Wüstenstadt" (S. 161) im Zentrum des Landes gründete er ein Reisebüro und richtete eine Charterfluglinie Paris-Agadez ein, um den Tuareg durch Tourismus Einkünfte zu verschaffen. Eine folkloristische Wüsten- und Tuaregromantik, wie sie manche Europäer*innen erwarteten, lehnte er allerdings ab. "Wir wollen nicht einen zoologischen Tourismus unterstützen, sondern die Schönheiten einer ursprünglichen Landschaft, einer Landschaft der Wahrheit mit ihren Wundern, ihren Kräften und ihrer Großartigkeit entdecken helfen. Wir wollen, dass die Welt weiß, dass in diesem Winkel der Erde eine Handvoll Menschen darum kämpft, ihre Wurzeln und ihre Identität zu bewahren." (S. 161). Aus demselben Grund half er Thierry SABINE bei der Organisation der legendären Rallye Paris-Dakar und unterstützte Bernardo BERTOLUCCI bei den Dreharbeiten zu dessen Film „Himmel über der Wüste“ (engl.: The Sheltering Sky, 1990).


Die Marginalisierung der Tuareg und die Rebellion 1990

Als es 1990 zur Rebellion junger Targi kam, die das Elend ihrer Familien, die unter heftigen Hungersnöten litten und in Flüchtlingslagern zusammengepfercht hausten, nicht mehr ertragen konnten, antwortete die Regierung der Republik Niger mit „blindwütiger Gewalt", wie Mano DAYAK schreibt. In dem Gebiet um Tchin-Tabaraden, dem Ausgangspunkt der Rebellion, seien "Folter und Mord“ die Folge gewesen. „Kinder wurden vor ihren Eltern getötet, Männer wurden nackt auf Lastwagen durch die Lager gefahren. […]. Die Brunnen der Umgebung wurden vergiftet oder von der Armee bewacht, die die ankommenden Nomaden massakrierten.“ (S. 169).


Die Stimmung bei den Tuareg war verzweifelt. Mehr denn je trafen die unvereinbaren Gegensätze zwischen dem Nomadentum des Wüstenvolkes und der Regierung des Niger aufeinander. "Einige Tuareg beschlossen zu den Waffen zu greifen [...]. Andere wollten an eine politische Lösung glauben." (S. 172). Nachdem die Verhandlungen bei der Nationalen Konferenz 1991 gescheitert waren, entwickelte sich eine „revolutionäre Stimmung“ (S. 184) mit dramatischen Folgen für das Zusammenleben in der Republik Niger. Mano DAYAK engagierte sich als Vermittler. Mehrmals reiste er nach Europa, wo er Unterstützer*innen fand. Wie er schreibt, gehörten dazu der Arzt und Politiker Bernhard KOUCHNER, damals Staatssekretär der Action humanitaire, und die Vorsitzende der Stiftung France Libertés, Danielle MITTERRAND, die Frau des französischen Staatspräsidenten.


Die Friedensabkommen 1994 und 1995

Im Oktober 1994 gelang endlich ein Friedensabkommen zwischen der Republik Niger und den Widerstandskämpfern (S. 199). Im April 1995 folgte der Friedensvertrag mit den Tuareg-Rebellen (S. 201). Mano DAYAK war einer der Verhandlungsführer. Als er am 15. Dezember 1995 in die nigrische Hauptstadt Niamey fliegen wollte, um die Umsetzung der Vereinbarungen in die Praxis voranzutreiben, explodierte die Cessna beim Start (S. 201).


Meine Meinung: Mano DAYAK ist als Tuareg geboren, in der Gedankenwelt der Nomaden aufgewachsen und in ihrer traditionellen Organisation sozialisiert worden. Später engagierte er sich als politischer Aktivist, Unternehmer und Schriftsteller für die Autonomie seines Volkes. Seine Autobiographie schildert die Lebensweise der Wanderhirten und das Bestreben der Tuareg um die Wahrung ihrer Identität in den Jahren zwischen 1950-1995 aus der Sicht des Rebellenführers. Authentischer geht es nicht. Es wird erkennbar, wie in postkolonialer Zeit durch Unterdrückung und Ausgrenzung dieses alten Wüstenvolkes in den neuen afrikanischen Nationalstaaten, aber auch durch Versäumnisse und Fehler der Tuareg selbst die Konflikte entstanden sind, die bis in die Gegenwart nachwirken. Die Autobiographie von Mano DAYAK ist ein beeindruckendes Zeugnis zur jüngsten Geschichte in Westafrika.


Weitere Informationen zu dem Buch von Mano DAYAK gibt es z.B. bei amazon.


Vom selben Autor ist auch erschienen: Mano DAYAK: Die Tuareg-Tragödie; Horlemann: Bad Honnef 1996, z.B. bei amazon.