Nutzung digitaler Medien im Studium vernachlässigt?

 

 

 

 

Digitale Bildungsrevolution aktiv gestalten

 

Im Herbst 2015 haben Jörg DRÄGER und Ralph MÜLLER-EISELT dazu aufgerufen, die digitale Bildungsrevolution aktiv zu gestalten, deren große Chancen zu nutzen, den Risiken zu begegnen und international den Anschluss nicht zu verlieren. Die Gesellschaft muss jetzt handeln, lautete das Credo. (Die digitale Bildungsrevolution: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können; 2015).

 

Wenige Monate später, im Frühjahr 2016, hat das Hochschulforum Digitalisierung in Berlin nun eine Studie zu dem Thema vorgelegt.

 

Lernen mit digitalen Medien aus Studierendenperspektive

 

ist der Titel der Untersuchung, deren Ergebnisse die Dringlichkeit des Appells von DRÄGER und MÜLLER-EISELT unterstreicht. Sie basiert auf der Sonderauswertung von Daten, die bei der Befragung von Lehrenden und Studierenden durch das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) für das Hochschulranking 2014/15 erhoben wurden und überraschende Erkenntnisse hervorbrachte.

 

Ist die fachbezogene Nutzung von digitalen Medien eher gering?

 

In der Zusammenfassung der Untersuchung (S. 7) heißt es: Die Studie zeigt, dass Studierende bei der Nutzung digitaler Medien zu einem Großteil eher konservativ agieren. Das Bild des vielseitig orientierten Studierenden, der sich aus dem umfangreichen Angebot verfügbarer Medien ein individuelles Lernportfolio zusammenstellt, entspricht unabhängig vom Alter der Studierenden nicht der breiten Realität. Die private Nutzung digitaler Medien übersetzt sich nicht zwangsläufig in den Hochschulalltag. Digitale Lehre funktioniert vor allem dann, wenn Dozierende sie proaktiv einführen. Diese Abhängigkeit des Digitalisierungsgrades vom Angebot wird in der vorliegenden Befragung am Beispiel der Informatikstudiengänge und der medizinischen Fächer gut sichtbar: Dort, wo digitale Medien einen obligatorischen Bestandteil des Lernprozesses ausmachen, ist die Verbreitung bereits heute hoch. (S. 7)

 

Als sechs Kernergebnisse (S.7) werden genannt:

  • Es gibt große Unterschiede bei der Nutzung digitaler Medien zwischen den Studienfächern.

  • Die Nutzung digitaler Medienunterscheidet sich noch deutlicher zwischen den Hochschulen innerhalb desselben Faches, was darauf hindeutet, dass die konkrete Lehrpraxis einer Hochschule einen Einfluss auf die Nutzungsvielfalt digitaler Medien hat.

  • Die private Nutzung digitaler Medien übersetzt sich nicht zwangsläufig in den Hochschulalltag.

  • Über die Fächer und Hochschulen hinweg existieren klar unterscheidbare Nutzertypen. Nur 21% der Studierenden nutzen eine breite Palette verfügbarer digitaler Medien im Rahmen ihres Studiums. Etwa 30% der Studierenden beschränken sich überwiegend auf klassische digitale Medien wie PDF-Dokumente, E-Mail und PowerPoint.

  • Der Begriff „Digital Native“ erscheint auf Grundlage dieser Auswertung bedeutungslos. Die Annahme, dass heutige Studierende generell digital affin studieren, ist nicht haltbar.

  • Digitale Medien scheinen an vielen Hochschulen kein integraler Bestandteil der Lehre zu sein. Aktuell zeigt sich flächendeckend eher eine punktuelle Anreichung der Lehre durch digitale Medien.

 

Wie zuverlässig ist das Ergebnis der Befragung?

 

Nach eigenen Angaben (S. 11) waren für die Befragung 155.418 Studierende angeschrieben worden; 27.473 aus 153 Hochschulen hatten geantwortet. Das entspricht einem Anteil von nur 17,7%. Auch wurden mangels einer ausreichenden Anzahl an Rückmeldungen aus einigen Hochschulen diese ausgeschlossen. Von der großen Anzahl der Studienfächer wurden insgesamt nur elf berücksichtigt: Geografie, Geowissenschaften, Informatik, Mathematik, Medizin, Pflegewissenschaft, Pharmazie, Physik, Politikwissenschaft, Sport und Zahnmedizin.

 

Nur eine Stichprobe ?

 

Dass nicht mehr Hochschulen und Fächer berücksichtigt werden konnten, schmälert den Wert der Studie. Ein breiteres Spektrum hätte ein differenzierteres Bild entworfen. Das räumen auch die Autoren ein, gleichwohl sie die Untersuchung als Stichprobe  betrachten (S. 13f.). Genau genommen darf die dort erkennbare Tendenzen über den aktuellen Stand der Nutzung digitaler Lernmedien durch Studierende (S. 14) aber nur für die elf untersuchten Fächer gelten. Unabhängig davon ist zu erkennen, dass es noch viel zu tun gibt.  

 

Die Autoren der Studie sind Dr. Malte PERSIKE (Johannes Gutenberg Universität Mainz) und Julius-David FRIEDRICH (Centrum für Hochschulentwicklung, Gütersloh).

 

 

 

 

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