Experiment WAHRHEIT

Burkhard MÜLLER

Fälschungen, Verwandlungen

Vom schönen Schein der Bilder, Häuser und Menschen

zu Klampen Verlag, Springe 2016

256 Seiten, Hardcover, 20 Euro

ISBN 978-3-86674-521-6

auch als E-Book erhältlich

Wahrheit: Täuschung ausgeschlossen

In der Umgangssprache verstehen wir unter dem Begriff Wahrheit die Identität von Sachverhalt und Aussage (Adequatio intellectus et rei). Mit anderen Worten: Täuschung ist ausgeschlossen. Ein Buch darüber zu schreiben, dass es trotzdem Fälschungen und Lügen gibt, wäre langweilig. Das müssen wir nicht nachlesen. Das können wir selbst täglich erleben. Etwas anderes ist es jedoch, wie Burkhard MÜLLER es getan hat, davon zu erzählen, wie nicht das Falsche, sondern das Echte fragwürdig wird.


"Das Echte aber ist immer das Fraglichste",


schreibt Müller im Vorwort seines neuen Buches, wo er erzählt, wie der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi (*1951) fraglich macht, was wahr, was echt, was authentisch ist. Denn offensichtlich hat er überzeugendere Bilder gemalt als z.B. Heinrich Campendonk, Max Ernst, Max Pechstein u.a., als er deren Art zu malen in seinen Arbeiten erfolgreich nachempfunden hat, mit viel Können, freilich auch mit Tricks und Lügen, wenn die Gemälde mit entsprechenden Legenden ausgestattet oder zeitgenössische Materialien verwendet wurden. Die Masche war lange erfolgreich. Bis in einem Fall. Da ist man Beltracchi auf die Schliche gekommen, hat den Betrug erkannt, ihn und seine Komplizen 2011 verurteilt.


Bekannt ist auch der Fall des Hochstaplers Gert Postel (*1958). Ursprünglich war er Postbote, hat aber trotz fehlender Qualifikation jahrelang unentdeckt als Arzt praktiziert, zeitweise sogar in leitender Funktion. Auch er wurde irgendwann entdeckt und bestraft.


Sicherlich spektakulär, jedoch Einzelfälle. Auch könnte man sagen, dass die Wahrheit schließlich ja doch ans Licht kam. Dennoch. Etwas Verwunderung bleibt.


Die Causa Waldmann oder Verwandlungen von Wahrheit


Liest man die Geschichten in dem Buch Müllers, staunt man, welche Beweismittel genügen, um uns davon zu überzeugen, was authentisch und wahr ist.


Veranschaulicht wird dies durch Bilder mit den Intialen W.K. Es reichte die Meinung einiger Fachleute, dass darin Werke eines Avantgardisten namens Karl Waldmann gesehen wurden, obwohl vorher noch nie jemand von diesem Künstler gehört hatte und bis heute nicht erwiesen ist, ob er überhaupt jemals gelebt hat. Es gibt lediglich die Legende, dass er aus dem Umkreis des Bauhauses stammte, 1958 aber dann in der DDR plötzlich spurlos verschwunden sei. 1989 seien die Werke, meistens Collagen, auf einem Flohmarkt in Polen aufgetaucht, wo sie ein französischer Journalist entdeckt habe.


Schnell nahm der damals ausgehungerte Kunstmarkt die Spur zu der Beute auf. Auf Aktionen wurden für die Bilder Preise bis zu 10.000 Euro erzielt. 2005 machten sich dann aber doch Zweifel breit. Zwar belegten technische Untersuchungen, dass die Materialien der Collagen aus den 40er Jahren stammten, bestätigten aber immer noch nicht die Existenz eines Künstlers namens Waldmann. Es bildete sich eine neue Legende, dass es sich bei den Werken mit den Initialen W.K. um Arbeiten handeln könnte, die unter Verwendung von Materialien der 40er Jahre in der Absicht, ältere avantgardistische Arbeiten vorzutäuschen, viel später erst neu angefertigt worden sind. Die neue Spekulation wurde schnell kolportiert. Und obwohl es sich auch dabei wieder nur um eine angenommene Erklärungsmöglichkeit handelte, für die es ebensowenig einen Beweis gab, wie für das Gegenteil, genoss auch diese Behauptung wiederum rasch Überzeugungskraft. So sehr, dass sich die Branche zurückzog, lautlos wie ein scheues Reh, das zwar gerne an jungen Trieben nascht, bei dem geringsten Anschein von Gefahr aber sofort ängstlich flieht. Zurück blieben erstaunte Käufer und Sammler, die völlig ohnmächtig erleben mussten, wie vormals hoch gefeierte Arbeiten nun zu wertlosem Kram geworden waren. Aus Wasser war Wein geworden, und dann wieder Wasser.


Die Grenzen zwischen plumper Täuschung und geschickter Verwandlung sind fließend


Nicht immer geht es um plumpe Täuschung. Manchmal verwandelt sich auch nur die Wahrheit. Beispielsweise dann, erläutert Müller, wenn eine moderne demokratische Gesellschaft die Herrscherresidenz der Hohenzollern in Berlin wieder neu baut, obwohl das Stadtschloss doch völlig zerstört war. (Im März 2016 war von mittlerweile 595 Millionen Euro Baukosten die Rede, wie rbb24 berichtet.) In Berlin leistet man sich diesen Luxus eines modernen Neubaus hinter gefakter Barockfassade.


Berlin, Neubau Stadtschloss, Zustand 08. Mai 2016 (Quelle: www.sbs-humboldtforum.de/de/Berliner-Schloss/Webcam/


Etwas differenzierter ist der Fall der Frauenkirche in Dresden zu betrachten. Dort wurde aus den Steinen eines riesigen Trümmerhaufens in mühevoller Kleinarbeit und mit großem privaten Spendenaufwand ein monumentales Kirchengebäude rekonstruiert, bei dem wenigstens ein Teil des Materials noch ursprünglich ist. Jedoch wurde der Aufwand in einer Zeit betrieben, in der andernorts bestehende und intakte Kirchen abgerissen, verkauft und beispielsweise zu einem Drogeriemarkt umgewidmet wurden, wie wir wissen (H.Hermann, L.Tavernier: Das letzte Abendmahl; 2007). Die Frauenkirche betraf dieses Problem nicht, weil sie als Symbol der Freiheit und des Friedens rekonstruiert wurde, nicht nur als Kirche, deren Kuppel protzig über die Elbe strahlt. Goldig.


Spielt es überhaupt noch eine Rolle, was authentisch oder vorgetäuscht ist? Lassen wir uns von falschen Fassaden beeindrucken?


Experiment Wahrheit


Die neun Essays, in denen Burkhard Müller diese und andere aufsehenerregende Geschichten erzählt, werfen ein bezeichnendes Licht darauf, wie unsere gegenwärtige Gesellschaft mit Wahrheit experimentiert.


Ein interessantes Buch. Von den Gedanken und Exkursen, die Burkhard Müller mit den Geschichten verbindet, haben mich manche überzeugt, andere weniger. Aber es macht nachdenklich, wenn man erlebt, wie sich der Sinn für das Echte im oszillierenden Spiel zwischen Sein und Schein auflösen kann.


Lesenswert. Handliches Format. Hardcover.


Dr. Burkhard MÜLLER (*1959) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Fremdsprachen der TU Chemnitz, wo er Latein unterrichtet. Er schreibt für die Süddeutsche Zeitung, DIE ZEIT und die Zeitschrift MERKUR. 2008 wurde er mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.